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Deck -> Strömungen -> „Theater hat eine Scheiß-Lobby“
Mittwoch, 14.04.2010
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Radikal Jung
 

„Theater hat eine Scheiß-Lobby“

Das deutsche Theater ist nicht radikal. Das deutsche Theater hat Angst vor dem Publikum, meint Nachwuchs-Regisseur Simon Solberg. Dabei kann man als Zuschauer dort eigentlich jede Menge Spaß haben. 
Geschrieben von: Britta Weddeling   
Der Regisseur Simon Solberg © Wiki Commons
 

Simon Solberg zeigt beim Theater-Festival "Radikal Jung" am Münchner Volkstheater seine Inszenierung von William Shakespeares "Romeo und Julia". Mit Philibuster sprach er über radikale Remixes abgetragener Bühnenklassiker und die Zukunft des Theaters in Zeiten des Konsumrauschs.

Philibuster: Beim Stichwort „radikal“ denkt man heute eher an Islamisten als an Theater. Warum?

Solberg: Weil das heutige Theater nicht radikal ist. Es hat viel zu oft Angst davor, am Mainstream vorbeizuschliddern und die zahlenden Abonnenten zu verprellen. Dabei bin ich überzeugt, dass auch die alteingesessenen Theaterbesucher bei uns wären, wenn sie nicht mit hohlen Provokationen, sondern künstlerisch-kritischer Auseinandersetzung konfrontiert würden.

Philibuster: Der gängige Theatergeher ist im Schnitt um die 50 Jahre alt und trinkt abends einen guten Rotwein.  Kann man so einem Publikum junges Theater überhaupt zumuten?

Solberg: Unbedingt, wir alle haben – fernab vom Lebensalter - ein grundlegendes Bedürfnis, emotional bewegt und bestenfalls mitgerissen zu werden. Das Publikum spürt sehr deutlich, ob wir in einer Inszenierung nur dumme Witze machen oder uns an Themen abreiben, die uns als junge Generation beschäftigen und umtreiben. Deswegen sind sie bereit, diesen Weg mitzugehen, auch wenn sie nicht sofort alles verstehen, was auf der Bühne passiert.

Philibuster: Wenn sie nicht gerade Germanistik studieren, besuchen Leute unter 30 keine Theateraufführung. „Zu kompliziert, zu traurig, da gehe ich lieber ins Kino“, so die Vorurteile. Hat das Theater ein Imageproblem?

Solberg: Ja, und zwar, weil verdammt viel langweiliger Mist gespielt wird, der nichts mit den Leuten, die unten sitzen, zu tun hat, sondern sich selber Zweck genug ist. Außerdem hat das Theater eine Scheiß-Lobby.
Philibuster: Wer ist schuld daran? Das Theater? Die Kritiker, die komplizierte Rezensionen schreiben, die keiner versteht?

Solberg: Hälfte, Hälfte - aber darauf würde ich gerne mit dem „gescheiten Hans“ aus dem gleichnamigen Grimm-Märchen antworten: „Tut nichts, besser machen.“

Philibuster: Kritiker bezeichnen Ihre Inszenierungen als oberflächliches Krawall- und Spaßtheater. Darf Theater nicht lustig sein?

Solberg: Es muss sogar! Eine alte Clowns-Regel besagt: „First make them laugh“. Man muss um das Publikum kämpfen, wenn man ihm eine Geschichte erzählen und ein Problem nahe legen will.

Philibuster: Die zu Tode gelangweilte Hedda Gabler, der hedonistische Prinz auf Sinnsuche in Schillers "Geisterseher", eine Männertruppe, die Oscar Wildes "Bunbury" zur Travestie-Show umpolt oder Kafkas Amerikareisender Karl Roßmann, der immer wieder daran scheitern muss, sich in der Welt zu verorten – die bisher gezeigten Festival-Inszenierungen beschäftigen sich mit der alten Frage: Was soll ich mit meinem Leben anfangen?

Solberg: Das Thema ist ein Evergreen. Jede Generation stellt sich diese Frage, bis
man sich dann mit zunehmender Erfahrung im Leben eingerichtet hat oder zum Beispiel die Geburt der eigenen Kinder die Frage hinfällig macht - dann ist der Sinn ja allgegenwärtig.

Philibuster: Bei „radikal jung“ zeigen Sie "Romeo und Julia". Vorher inszenierten Sie Goethes „Faust“ und derzeit Schillers "Johanna von Orleans", alles Schultext-Theaterstücke, die schon tausendmal über die Bühne gingen. Was haben Sie dem noch hinzuzufügen?

Solberg: Wenn der Stoff stark ist, befasst er sich in verdichteter Sprache mit archaischen gesellschaftlichen Problemen, die immer aktuell sind. Deshalb kann man aus allen Theater-Formen gleichberechtigt schöpfen, von der antiken Tragödie, über das christliche Mysterienspiel bis hin zum Naturalismus eines Henrik Ibsen.



Philibuster:
Sie bearbeiten und überfrachten die Orginaltexte sehr stark, remixen die sogenannten Klassiker Goethe, Cervantes und jetzt Shakespeare mit Slapstick, Entertainment und Zitaten von „Wer wird Millionär?“ bis „Batman“. Für den Zuschauer ist Ihre Spielwut oft eine Überforderung. 

Solberg: Das nehme ich in Kauf. Wir werden ständig zugeballert, von allen Seiten, um unsere Kauflust zu wecken, weil sonst der Kapitalismus zusammenbrechen würde. Nichts desto trotz wurde ich in dieser Welt sozialisiert und nutze die Chiffren unserer Gesellschaft um mich auszudrücken, aber alles um dem Schmerzzentrum des Stückes näher zu kommen. „Romeo und Julia“ zeigt die Rebellion zweier junger Erwachsenen gegen dieses System aus Konsum, Wettstreit und Gewalt. Die Liebe wird zum Mut-Motor für Utopien und gesellschaftliche Veränderungen.

Philibuster: Shakespeares süffige Liebesgeschichte wirkt heute unglaubwürdig. Wie lässt sie sich auf die Bühne bringen, ohne dass es zu kitschig wird?

Solberg: „Romeo und Julia“ steht unter Kitsch-Verdacht deluxe und der Text ist in Teilen nahezu nicht aufsagbar. Wir können es nur mit größtmöglicher Ehrlichkeit und jeden Abend neu versuchen, die Kraft, die Liebe zweifelsohne in sich birgt, sichtbar zu machen.

Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von Ralf Goetz, April 14, 2010

Die Zukunft des Theaters
Eines der Hauptprobleme des Theaters ist doch, dass es in der Diskussion um die Medienformate überhaupt nicht mehr vorkommt. Das Theater besitzt bei vielen jungen Leuten überhaupt keinen Stellenwert mehr, weil Theater durch zu viele Regie-Experimente gerne als durchgeknallte Alternative für fernsehverachtende Kulturjunkies gesehen wird. Dass diese Form allerdings früher in der Lage war, zur politischen bzw. kritischen Meinungsbildung beizutragen, scheint längst vergessen.

Dabei sollte durch den ganzen "radikalen" Reality-Soap-Quatsch, durch Dschungelcamps etc. doch längst eine Niveauregulierung stattgefunden haben. Wo schon immer auf Bühnen Dreck, Blut und Schleim verspritzt wurden, findet das jetzt auch seit ein paar Jahren im TV statt.

Klar für den Theater-Besuch zahlt man vielleicht Geld, aber dafür gibt es auch keine Werbung. Obendrauf noch Bildung, die nicht aus der BILD stammt.
geschrieben von Nadia El Guennouni , April 15, 2010

Die Zukunft: Weiter vor der Glotze
... wie Adorno schon feststellte: Der Bürger lüstet nach seichter Unterhaltung, um sich immer wieder auf`s Neue von der entfremdenden Lohn-Arbeit zu entspannen um wiederum erneut fit für diese zu werden. Das scheint mithilfe von RTL II & Konsorten bestens zu funktionieren - schichtübergreifend.
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