Mittwoch, 17.02.2010
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The Twins
 

The times they are a changin’

Die Fotos der Zwillinge Jutta Winkelmann und Gisela Getty mit ihren „Promis“ im eben veröffentlichten Fotoband „The Twins“ erzählen aus einer Zeit der Utopie. Von Liebe zwischen Gleichgesinnten auf dem Weg in ein neues Bewußtsein.
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Nazi-Pose: Gisela und Jutta mit It-Boy Mackay Taylor © Paul Getty


Dieser unerträgliche Muff, dieses Mörderische und Kleingeistige, das mich durch meine Eltern anweht, das bin ich nicht. Aber wer dann? So ähnlich hat damals die Frage meiner Generation gelautet: In einer Zeit, in der sich wie von Zauberhand die dicken Mauern zwischen und gegen die anderen Menschen aufzulösen begannen. Es waren die Sechziger: Statt Kleinfamilie eine Weltfamilie von Freunden, überall unterschiedlich.

Von Zeiten dieser allumfassenden Liebe erzählen die Fotos der Zwillinge Gisela Getty und Jutta Winkelmann in ihrem eben erschienenen Bildband „The Twins“. Heute sind sie kaum noch zu verstehen: Jene ekstatischen Sucher, die keine Popstars waren und keine Groupies. Nur Geister, eingetaucht in ein kosmisches Licht. So dass großartige Schauspieler, subversive Kabarettisten, Profis der alten Schule berufslos wurden. Die auf den Fotos abgebildeten Männer dagegen erfinden in der Stunde Null einer neuen Ära in Rom oder Los Angeles ihr eigenes Leben; die beiden hauptsächlich in die Liebe verliebten Mädchen passen bestens dazu. Gerade als deutsche Töchter von „Mördereltern“ - der Vater Monarchist und als Nazi dem Traum vom Herrenmenschen verbunden - waren sie aus Kassel in die Welt aufgebrochen: spielerisch mit jener Identitäts-Frage unterwegs. Für mich waren es meine Trips nach London, Amsterdam und Paris mit Standort Düsseldorf: dort dem Atelier einer Werbeagentur und seinen verrückten „Kreativen“. Es flimmerte,  flackerte und irrlichterte - kaum jemand kann heute soviel Abgehobenes nachvollziehen.

Mit Dylan auf dem Klo

„Ihr wart alle Freunde?“ lautet daher heute die erstaunte Frage der Jungen, als sie sich die Fotos anschauen. Keiner war ein Star oder alle? Die Zwillinge würden vielleicht antworten: Wir fühlten uns als Göttinnen – und wir wollten mit entsprechenden Männern zusammen sein. Zeit der Unschuld, gelebte Träume. Natürlich war das ein besseres, ein fantastisches Leben. Die Fotos der Beiden aus den Jahren 1968 bis in die Siebziger erinnern heute an dieses Phänomen: Alle Menschen sind in den Sixties irgendwie Freunde, geschlechtslos vom Geist der Liebe überwältigt. Sie treffen sich auf gleicher Augenhöhe. Gisela verliebte sich in Leonard Cohen beim Frühstück, Jutta diskutierte mit Bob Dylan auf dem Klo, Gisela fischte ihren selbstmörderischen Mann Paul Getty III mit Mick Jagger verzweifelt aus dem Wasser des Atlantiks, während Andy Warhol von der Terrasse seines Hauses in Montauk auf Long Island verstört zusah. Alles ganz normal, nichts Besonderes: alles Freunde, one family. Weder Paparazzi hinter dem Zaun, noch ein Bodyguard in der Nähe. Eher so: Auch Patti Smith bereits auf dem Weg, nahm ein paar coole Anhalter mit und alles wurde in Andys Haus später zur Never-ending-Party mit endlosen Diskussionen über Gott und die Welt. Im tieferen Sinne: existentiell! Noch ganz ohne Pressesprecher, der auf die Uhr schaut, ohne drängelnde PR-Frau oder Klamotten von Sonstwem – weil … ja, weil man gerade mit den Freunden sämtliche Grenzen für null und nichtig erklärt hatte und weil man zum ersten Mal und ganz spontan für sich die Wahrheit entdeckte: Das Leben ist ein tägliches Fest der Liebe! Geschäfte, Labels, Industrien … solche Produktionen des erfinderischen Geistes schienen noch weit weg. Erst später, als dieses neue unglaubliche Leben in die Songs, Filme und Bücher der Männer einfloss und dann zur Industrie gefror, blieben die meisten Gefährtinnen des Liebesrausches mehr und mehr auf der Strecke. Was passierte den Zwillingen?

Sie scheinen die Eiszeit überlebt zu haben. Im Langhans-"Harem" zu München, mit drei weiteren Frauen. Aber das ist eine andere Geschichte und die Fotos aus dieser Zeit bleiben vorerst im Schrank. Im Anhang ihres Fotobuches kann man nachzählen: Nicht wenige ihrer Freunde starben beim Absturz in die Niederungen des Alltäglichen. William Borroughs, Timothy Leary oder John Phillips. Unter den Gefährtinnen der wilden Männer jener Zeit ist Marianne Faithfull eine Ausnahme. Sie hat den Absturz in letzter Minute überlebt und konnte daraus sogar ein kleines Werk erschaffen. Aus dem Drogenhimmel fand sie herab in die Niederungen des Broken English und man liebte sie dafür. Die anderen fielen meist klassisch zurück: Männer wurden Künstler und reproduzierten den Rausch in ihren „Werken“, die Frauen verschwanden im Privaten, wurden entweder „spießig“ oder experimentierten weiter unsichtbar an neuen Lebensformen. Wie die Zwillinge im ‚Harem’ als weiblicher Kommune. Als „Groupies“ werden sie nur aus heutiger Sicht  missverstanden, denn die Morgenröte, jene kurze Zeit der Vision allumfassender Liebe, von etwas „Religiösem“ gar, scheint schon lange verblasst. Wenn ihr den daraus erwachsenen Tag finden wollt, schaut ins Internet. Da ist es: das abgehobene Leben – unsicher noch und unerkannt zwar …