Im Sommerloch des Fernsehens gab es für mich eine solche schöne Überraschung, die vielleicht viele von euch verpasst haben. Die BBC-Serie „Aus Lust und Leidenschaft“ lief nämlich ganz unauffällig donnerstags um 22.00 Uhr (Wiederholung jeweils samstags) im WDR und um ein paar Wochen versetzt, als wollte man sie besser schamhaft verstecken, auf ARTE und inzwischen seit 8. September sogar im Bayerischen Fernsehen. Ohne laute Ankündigung durch die Presse, die sie aber verdient hätte.
Dabei hätte diese englische Mini-Drama-Serie um vier Geliebte (daher der englische Titel) in meinen Augen den Sendeplatz einer Primetime im ersten Programm richtig gut vertragen. Sie ähnelt in manchem zwar „Sex and the City“ oder dem Nachfolger „Lipstick Jungle“, ist aber weitaus komplexer angelegt, eben doch europäisch und nimmt das Terrain der Beziehungen als Schlachtfeld der Frauen so ernst, daß ich mich anfangs verwundert fragte, ob wir Frauen nicht auch andere Interessen im Leben haben, als ständig einem Mann als Höhepunkt unseres Glücks hinterherzujagen.
Das Glück finden im vergebenen Mr. Right
Nein, haben wir nicht: Das scheint immer noch unsere Essenz zu sein! Aber statt sich wie die New Yorkerinnen mehr um ihre Manolo Blahniks als um die Männer ganz oberflächlich zu sorgen, will hier in London jede der vier Mitte dreißigjährigen Freundinnen wenigstens nicht mehr den Mann glücklich machen. Sie sind stattdessen bereits auf ihrem Weg in die Selbstwahrnehmung. Jede sucht in der Liebe dramatisch und ganz ausdrücklich in einem bereits vergebenen Mr. Right als „Geliebte“ ihr ganz persönliches Glück und muß scheitern. Sie schliddert dabei durch die Turbulenzen von selbst inszeniertem Betrug, Eifersucht und Lügen, nicht um den Mann dafür verantwortlich zu machen, zu resignieren oder bitter zu werden, sondern um aus dieser Täuschung
heraus zu finden.
Frauen als Täterinnen ihrer Biografien, bisher selten in Film und Fernsehen: Erst durch ihre Ent-Täuschungen, also das Scheitern der Projektion von Liebe auf den Mann, kommt jede der vier Frauen, so ist zu vermuten, am Ende der drei Staffeln zu sich selbst. Nur in sich selbst, so interpretiere ich den Anfang, kann es auch für eine Frau einen Ansatz von Liebe als Selbsterkenntnis geben.
Die Dialoge sind leicht und knapp, die Story springt gut geschnitten, schnell und ineinander verflochten von einer Sequenz zur nächsten, die Kamera geht nah ran an die Gesichter und Gefühle, oft erotisch, nie gefühlsduselig. Wenn die Frauen sich zwischendurch treffen, um sich zu beraten, wird für Momente reflektiert, gleich danach rast das Beziehungs-Drama weiter. Ich konnte mich in jeder der Frauen wie in Freundinnen spiegeln, vielleicht auch, weil diese so gut gecasteten Schauspielerinnen nicht für die männlichen Zuschauer auf die Illusion von Glamour und Verfügbarkeit getrimmt sind und tatsächlich wie Menschen auf einem Weg der Erkenntnis aussehen. Kaum „aufgerüstet“ durch übliches Liebesbalzen, Styling und Make-Up.
Mut zur Ehrlichkeit
Wie die Serie startet: Zum einen wäre da Katie (Sarah Perish), eine Ärztin, die ihre Arbeit gern macht. Sie verliebt sich in John, einen todkranken Patienten und hilft ihm beim Sterben. Nach seinem Tod trifft Katie mit ihrem Geheimnis auf Sam, Johns Sohn. Er weiß von der Affäre seines Vaters und ist nun auf der Suche nach der anderen Frau. Trudi (Sharon Small) hat ihren Mann bei dem Anschlag auf das World Trade Center am 9.11. verloren. Seine Leiche wurde nie gefunden. Nun versucht sie zusammen mit ihren zwei Kindern ihr Leben allein in den Griff zu bekommen, als sie Richard begegnet. Siobhan (Orla Brady) ist eine hart arbeitende Anwältin. Sie und ihr Ehemann Harry versuchen verzweifelt und immer lustloser, endlich ein Kind zu bekommen. So herzlos, wie sie das veranstalten, gelingt nichts.
Siobhan läßt sich von der Anmache ihres Kollegen Dominic leidenschaftlich mitreißen und wird von ihm schwanger. Zunächst läßt sie Harry glauben, er würde Vater. Für die etwas indisch aussehende, flippige Event-Managerin Jessica (Shelley Conn) steht der Spaß am Leben (und der Lust) an erster Stelle, denn sie glaubt nicht, dass es so was wie Liebe wirklich gibt. Wahllose Affären und One-Night-Stands sind die Folge. Zurzeit ist sie die Bett-Hopperin von ihrem verheirateten Boss. Dann aber verliebt sie sich auf einer von ihr ausgerichteten lesbischen Hochzeit in Alex (Anna Torv aus „Fringe“), eine der beiden Bräute. Prompt landet Jessica auch mit ihr im Bett, nur daß es diesmal ganz anders ist…
Jede der Episoden dauert knapp eine Stunde, die schnell verfliegt und doch gerade lang genug ist. So war die Serie in England so erfolgreich, daß ihr in diesem Frühjahr bereits die zweite Staffel folgte. Gerade beginnen die Dreharbeiten zur dritten und letzten Staffel. Anders als bei „Sex and the City“, dessen Idee und Setting deutlich von schwuler Sicht geprägt war, sind bei Idee und filmischer Umsetzung von „Mistresses“ ungewöhnlich viele Frauen beteiligt. Sie scheinen mit der Serie innerhalb des TV-Geschäfts auf eine bei uns wohl nicht übliche Ehrlichkeit zu setzen. Falls die erste Staffel nicht wiederholt wird, wäre vielleicht die DVD ein schönes Geburtstagsgeschenk.