Schließen

Kostenlos registrieren!

  • Vertiefen und Erweitern Sie Ihr Netzwerk
  • Profile ansehen und neue Freunde hinzufügen
  • Teilen Sie Fotos und Videos mit der Community
  • Erstellen Sie eigene Gruppen und werden Sie Mitglied bei anderen Gruppen


Mein Philibuster
Deck +++ Strömungen +++ Wenn drei über Hurensöhne singen
Dienstag, 12.06.2012
(79 Bewertungen)
Kommentare (2) Drucken
 
Vainstream Rockfest 2012
 

Wenn drei über Hurensöhne singen

Es ist Fußball, aber keiner geht hin. Es gibt Klos ohne Waschbecken, dafür die längste Pissrinne Westfalens, und du teilst dir einträchtig mit deinen Freunden eine Pulle Desinfektionsgel. Und alles ist schön, weil Festival ist.
Geschrieben von:   
NO FAT CHICKS © Vainstream Rockfest 2012


Und alles geht ganz vortrefflich los: Zum Beispiel, wenn man im Zug nach Münster sitzt und dann, zwei Stationen vor Ankunft, deine Begleitung, der Einfachheit halber deine beste Freundin, Sachen sagt wie: „Ey. Du hast die Tickets doch eingepackt, ne?“ Ja, die Scheißtickets. Die, wegen derer man noch am Tag zuvor umständlich organisieren musste, damit irgendwer sie ausdruckt, und für die dann der Freund dieser besten Freundin (Hallo, Schorsch!) noch einmal um die halbe Welt tingeln musste, um sich darum zu kümmern - diese Dinger also, die jetzt einfach Kilometer weit entfernt auf einem Flur-Board herumlagen, weil ... „Nö. Ich dachte, du hast die eingepackt?“ „Nö.“ „Tja. Scheiße.“ Und man weiß, man darf sich jetzt eigentlich keine Fehler mehr erlauben, aber etwas schlimmeres kann eigentlich auch nicht mehr passieren, und der Realitätsfatalismus siegt: „Egal. Wir fahren jetzt erstmal weiter, und dann werden wir diese Dinger schon irgendwo ausdrucken können!“

Also, hallo Münster! Münster. Du hast dieses vortreffliche Internet-Café direkt gegenüber vom Bahnhof. Spitzenladen. Ausgerichtet auf junge Männer, die gern bei MSN, Facebook oder sonstwo abspacken. Bilder angucken geht anscheinend grade noch so, natürlich, aber PDFs lassen sich natürlich weder öffnen noch ausdrucken. Ha! Haaa! Nie ging mir die Internetzerstreuung der Neuzeit mehr auf den Keks als in diesem Laden, und meine Stimmung hebt sich erst, als ich ein Schild mit Gebäck-Werbung sehe: „Naja“, sage ich, „wir könnten hier aber Baklawa essen!“ Doch zunächst einmal stürzt der Computer ab, im Background natürlich Caros geöffnetes Postfach. „Na, super!“, ächzen wir. Und Mutlosigkeit setzt ein, als wir sehen, dass an dem zweiten Rechner, vor den wir gesetzt werden, noch sämtliche Fenster unseres Vorgängers geöffnet sind. Ganz mütterlich drücke ich zumindest beim Facebook-Account den Logout-Button. Doch natürlich, auch dieser Rechner verweigert sich, es nützt alles nichts - wir müssen weiter. Wir haben den Glauben an die Internet-Café-Menschheit verloren und wanken die Straße entlang.

Ein goldener Löwe ohne Drucker

„So, wir gehen mal hier rein!“, tönt Caro forsch, als wir vor einem Hotel stehen. Im Treppenhaus steht ein riesengroßer goldener Löwe. Wo es riesengroße goldene Löwen gibt, denken wir, da gibt es auch einen druckerfähigen Computerzugang. Auf jeden Fall. Ich halte mich dennoch erstmal vorsorglich eine halbe Minute am Treppengeländer fest, um einen aufziehenden Lachanfall zu unterdrücken. Und natürlich machen wir aber trotzdem ganz komische Geräusche, als wir der netten Frau an der Rezeption unser Problem schildern. Einen Drucker gibt es trotzdem nicht, dafür aber viele warme Worte (und ein bisschen Mitleid).

Also, weiter. Und mehrere Anläufe später schaffen wir es: Im Kaiserhof nimmt kompetentes Personal unser sehr schlimmes Problem ernst, wir werden zu einem Computer geführt, und man will nicht mal Geld von uns, so dass wir quasi Trinkgeld unterjubeln müssen, was zunächst standhaft, doch letztlich erfolglos abgewehrt wird. Das Schöne: Wenn man in einer misslichen Lage ist, setzt der sozialpsychologische Effekt ein, dass man sich dann, wenn man sich die eigene Blödheit ganz detailliert vor Augen führt, nur noch halb so schlecht, ja irgendwie sogar gut fühlt. Gott hat halt Gnade mit den Doofen, und die Menschen in Münster sind hilfsbereit und sehr nett.
„Also, das hat jetzt alles so lang gedauert, einen Hoodie kaufen wir jetzt aber nicht mehr"“, sagt Caro. Wir haben nämlich nicht nur unsere Tickets vergessen, wir sind auch noch komplett falsch angezogen, aber das können wir jetzt nicht ändern, also steigen wir in ein Taxi, um uns zum Vainstream-Gelände fahren zu lassen, denn wir sind ja schlecht vorbereitet und wissen trotz Wiederholungstat nicht, wo wir hin müssen. Ich hatte Caro dummerweise vorher noch erzählt, dass es in Münster ganz scheiße ist, massive Kurzstrecken zu fahren, weil sich das für die Taxifahrer nicht lohnt, mal für drei Euro um die Ecke zu fahren. Nun ist sie deswegen während der ganzen Fahrt ganz peinlich berührt und sagt alle dreißig Sekunden: „Ja, das ist zwar ganz um die Ecke, aber wir wissen leider nicht wo! Tut uns echt leid!“ Wir haben aber Glück, denn unsere Wegbeschreibung ist so verunglückt, dass unser Fahrer nochmal eine Schleife drehen muss und uns so ohne Hass aus dem Wagen steigen lässt. Puh.

Urin-Wasserfall: Ja. Waschbecken: Nein

„So, wir gehen da jetzt rein, checken nochmal, wer wann spielt, waschen unsere Hände, holen uns was zu trinken und zu essen, und dann besuchen wir David!“ David gehört zu unserer Heimatstadt-Gang und muss den ganzen Tag an einem Merchandise-Stand malochen, wofür wir ihn ganz doll beneiden, allerdings ungerechtfertigt, weil die Musik auf dem Vainstream nicht so ganz seine Sache ist. Und es geht natürlich weiterhin alles schief: Nachdem wir uns den Weg zur Riesen-Klostation gebahnt haben, offenbart sich das ganz normale Festival-Pipi-Inferno. Warum auch immer, in diesem Jahr gibt es Outdoor-Pissoirs in Massen, und betrunkene Männer zielen ganz unbedarft überall ihren Strahl hin, pinkeln sich auf die Schuhe, klopfen sich danach stolz auf die Schulter. Klopapier weht durch die Luft, der Boden ist Urin-durchnässt. Bilder des Grauens. Caro schnauft: „Bah, Alter! Wenn ich mir erstmal die Hände waschen kann, ne!“ Aber diese Rechnung haben wir ohne den Klowagen gemacht. Es gibt nämlich kein Waschbecken. Verzweiflung setzt ein, die wir erstmal mit einem beherzten Strahl Desinfektionsmittel aus der Flasche auf die Flossen verdrängen.

Später, ausgestattet mit einer Ginger-Ale-Mische im Plastikbecher, die noch toller ist, weil man sich am Ende mit den übriggebliebenen Eiswürfeln die Hände abrubbeln kann, wie uns später einfällt, schlurfen wir über das Gelände, und stoßen keine Minute später mit David zusammen, der einen Karton voller Shirts durch die Menge manövriert. „Na, da seid ihr aber grade noch rechtzeitig, wa?“, zwinkert er uns zu, nachdem wir an seinem Stand kurz unsere Idioten-Odyssee geschildert haben. „Aber, Mann, ey... keine Waschbecken!“, jammere ich und greife demonstrativ nochmal nach meinem Handdesinfektionsgel, um mit einem weiteren Strahl meinen Unmut zu untermauern. David kann sich kaum noch beherrschen: „Aaaaah, gib mir das, gib mir das grade mal! Sofort! Sofort! Danke! Boah!“ Caro kriegt zur Feier des Tages auch noch einen Schuss, und so stehen wir da also herum in unserer abgespeckten, aber gewohnten Runde, und wir wissen wohl: Das sind die Momente, die wahre Freundschaft ausmachen - Momente zum Beispiel, in denen man ganz einträchtig und stillschweigend seine Hände mit Desinfektionsgel durchkneten kann, ohne dass irgendwer denkt, man wäre eine Pitty.

Hurensöhne und Knoblauchmayo

Wir ziehen weiter, denn K.I.Z. spielen jetzt. „Fick deine Mudder! Fick deine Mudder! Fick, fick, fick, deine Mudder!“ Wir müssen niemandem etwas vormachen: Theoretisch könnten wir die meisten K.I.Z.-Tracks mitsingen, auch unbeabsichtigt, aber heute verkneifen wir es uns. Leider, irgendwie. Denn hinter uns stehen zwei schockierte alte Metaler, die die Welt nicht mehr verstehen. „Wat is dat denn?!“, grunzt der eine in seinen Becher, dass das Plastik nur so beschlägt. „Na, wenigstens sind die andern Acts richtig jut.“, ergänzt der andere und kippt sich stoisch seinen letzten Schluck Bier rein. Ich analysiere die Situation: Neben den beiden steht eine Gruppe Kids, die ich direkt als harte Fans von Tarek und Co. profile. Und ich weiß: Die sind wegen der drei Jungs hier, und „Slayer“ können sie wahrscheinlich noch nicht einmal buchstabieren.

Aber egal, denn es ist nach unserer Zeitrechnung inzwischen spät, und das heißt: Essenszeit. Wir ziehen also los. Vegane Döner, Pommes, Hot Dogs, Pizza, Falafel, Thai Food, Wurst und Wurst und Wurst, Schnitzel, Bratfisch, es gibt alles. Wir kaufen ganz vortreffliche Kibbelinge mit Knoblauchmayo, die bei unserem zweiten Rundgang auch David ordert, die dann besorgt und zuverlässig auch im großen Bogen extra um die Pissrinne transportiert werden, die sich inzwischen schon auch in Mini-Flüssen über den Festivalboden im Klobereich zieht.

SLAAAYYYYYER!

Und es geht weiter. Wir ziehen uns Refused rein, deren Fronter sich fast ständig selbst mit dem Mikro erschlägt, und bei Gaslight Anthem bin ich wieder so weit, dass ich nur noch pathetisches Zeug schwafel, so wie: „Ach, alleine wegen Gaslight Anthem lohnt sich das alles schon, wirklich, wirklich, ich kann meine Gefühle für Gaslight Anthem nicht in Worte fassen!“ Wir kaufen uns vegane Schokoriegel, weil es keinen Crepes-Stand gibt, und ich bin ganz positiv beeindruckt davon, wie gut ich die Teile finde. Was aber wahrscheinlich an den Tonnen Pflanzenfett in den Dingern liegen wird, wie Caro erklärt, und das finde ich nachvollziehbar und finde die Dinger damit direkt noch besser, und dann ist es endlich soweit: SLAYER. Vorher ein Soundcheck, der einem wie ´ne Ewigkeit vorkommt, und vor uns ein kleines Mädel, vielleicht Anfang zwanzig, die uns unaufgefordert zuquatscht, nein, anschreit: „NICHT WUNDERN, FALLS ICH MICH HIER GLEICH HINSETZE UND PISSE! ICH MUSS NÄMLICH VOLL AUFS KLO! ABER ICH KANN JETZT NICHT MEHR PINKELN GEHEN WEIL (uuuuuuaaaaaAAAHHHH) ICH BIN FAN! AAAAH, SLAAAYYYYYER! OH! MEIN!! GOTT!!!“ Wir nehmen es hin. Araya, King und Lombardo erscheinen auf der Bühne. Alle drei sind unfassbar cool und haben richtige Wampen. Wir stehen direkt neben den Boxen vorne, werden aber aus unerfindlichen Gründen nicht taub. Der große Fluch von Vainstream setzt nicht ein: Es bleibt wundersamerweise alles regenfrei.

Und dann sind wir irgendwann fertig. Es wird noch eine letzte Portion Pommes reingezogen, die letzten Token für Getränke unters Volk gebracht, und dann geht's ab zum Bahnhof. Drei Mann erwischen noch den letzten Zug, da David rechtzeitig Feierabend machen konnte und so nicht sein Honorar in Münster verfeiern muss. Er lässt sich nochmal den Stand der Dinge aufs Auge drücken und zieht sein eigenes Fazit: „Ha! Was ich aber nicht verstehe, ist, warum bei Slayer noch so viele Spacken überall rumgelaufen sind, anstatt sich die Alten anzugucken.“ Im Zug können wir aber ansonsten auf Smalltalk verzichten, da wir uns alle lange genug kennen, um Schweigen nicht als unangenehm zu empfinden. Stattdessen friemelt man sich Kopfhörer in die Ohren und versucht, zu pennen. Zuhause angekommen holt uns Schorsch, der Ticket-Held, der Allerbeste (der übrigens auch seinen eigenen Track hat), vom Bahnhof ab. Am Ende siegte doch die Reibungslosigkeit. Und die Freundschaft, weil man jedes komische Abenteuer zusammen durchstehen kann, ohne sich dabei blöd vorzukommen. Und die Ohren, weil sie auch die erste Reihe Slayer neben der Box überleben können. Und Vainstream, weil es jedes Jahr trotz Pipi-Inferno super ist.

Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von form, Juni 12, 2012

Lord
Ja, genau! Miteinander schweigen können ist tatsächlich noch exakter, aber hauptsächlich erst als Dings, hinreichende Bedingung. Mit einigen Fränds habe ich mich gar schon über so viel ausgeschwiegen, das glaubt man gar nicht. Aber egal.
Und: Ich habe viel gelacht, sehr schön.
geschrieben von Nadia, Juni 12, 2012

...
Hahaha, ja, danke, ich muss sagen, wir haben insgesamt auch sehr viel gelacht. Und Dir sage ich nochmal: Check den Schorsch-Track!
Kommentar schreiben:

kleiner | groesser
Bitte den folgenden Code eintragen
security code
busy
 

FOLGT UNS

Philibuster bei FacebookPhilibuster bei TwitterPhilibuster RSS FeedE-Mail-Abonnement

Philibuster-Fan werden

Meistgelesene Artikel


Neueste Beiträge

Meistgelesen