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Mein Philibuster
Deck +++ Strömungen +++ Interview mit Kevin Devine
Montag, 03.03.2014 Kommentare (0) Drucken
 
 

Interview mit Kevin Devine

Geschrieben von:   



Philibuster-Autor Julian Dörr

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Kevin Devine gehört zur aussterbenden Gattung der explizit politischen Singer-Songwriter. Im Gespräch fabuliert der 33-jährige US-Amerikaner von Che Guevara und Pol Pot als möglichen Präsidenten seines Heimatlandes, rückt Amtsinhaber Barack Obama und Vorgänger George W. Bush näher zusammen und philosophiert über den kranken Mann Kapitalismus, der Edward Snowden nicht in Berlin haben mag.


Hast du Jimmy Fallons Springsteen-Parodie „Gov. Chris Christie’s Fort Lee, NJ Traffic Jam“ in seiner Late Night Show gesehen?

Oh, nein. Da war ich wohl schon auf Tour. Das Video ist auch ganz an mir vorübergegangen. Wieso?

Fallon und Springsteen machen sich darin gemeinsam über den politischen Skandal um den Stau vor und auf der George Washington Bridge lustig. Ein lokales Politikum, das es aber bis in die deutschen Nachrichten geschafft hat. Was hältst du davon?

Diese ganze Intrige hat mich nicht sehr beeindruckt. Dass Politiker ihre Macht missbrauchen, um persönliche Probleme zu lösen oder es jemandem heimzuzahlen, das überrascht doch niemanden. Oder? So läuft Politik! Chris Christie hat das getan,
was alle tun. Nur: Man hat ihn erwischt.

Sind denn alle Politiker korrupte Heuchler?

Jeder von uns ist ein Heuchler. Wir alle sprechen von Dingen, die wir dann nicht umsetzen. Um zu leben, muss man Frieden mit diesem Zwiespalt machen. Und einfach sein Bestes versuchen. Ich glaube nicht, dass du Präsident von Irgendwo sein kannst, ohne ein Heuchler zu sein. Anders kannst du ein Land nicht regieren.

Wie stehst du zum aktuellen Präsidenten? Versucht Barack Obama sein Möglichstes oder hat er schon zu viele Versprechen gebrochen?

Die nackte Begeisterung gegenüber Obama war mir nie so ganz geheuer. „Nobel Prize“, der erste Song auf meiner neuen Platte „Bubblegum“, thematisiert diesen Konflikt zwischen Erwartung und politischer Wirklichkeit. Ein Friedensnobelpreis für einen Drohnenkrieger, der zwei Kriege führt! Das ist doch ein einziger Witz! Ich verstehe natürlich die Beweggründe hinter der Entscheidung. Man wollte ein Zeichen der Hoffnung und des Glaubens setzen. Nach acht Jahren Bush.



Du hast in deiner Karriere einige dezidiert politische Songs geschrieben – mit Anspielungen auf die Kriege in Afghanistan und im Irak. Wie stehst du als Kritiker dieser Einsätze heute zu George W. Bush?


Ich glaube, Bush dachte auf einer persönlichen Ebene, dass er den Menschen durch das, was er tat, wirklich weiterhalf. Seine Berater – Cheney, Rumsfeld – waren ohne Zweifel böse Hurensöhne. Aber Bush, als sehr religiöser Mensch, glaubte an einen Auftrag. Auf einer menschlichen Ebene stehen sich Barack Obama und George W. Bush meiner Meinung nach näher, als man denkt. So unterschiedlich ihre politischen Einstellungen auch sein mögen, beide sind besorgte Menschen, die über die Grenzen ihres Amtes hinaus nachdenken und nachdachten.

Die Grenzen des Präsidentenamtes?

Ja. Das Amt des amerikanischen Präsidenten ist zu diesem Zeitpunkt in der Geschichte ein Amt, das wenig Empathie und Mitleid erlaubt. Dein Job als Präsident ist die Wartung und Vergrößerung des amerikanischen Imperiums. Man könnte dieses Amt auch mit Che Guevara oder Pol Pot besetzen. Am Ende käme dasselbe dabei raus.

Was meinst du damit? Ist der Einfluss des mächtigsten Mannes der Welt dermaßen beschränkt?

Das war etwas überspitzt. Was ich sagen wollte, ist, dass es am Ende immer einen netten und einen hässlichen Imperialismus gibt. Obama und Clinton stehen für einen clevereren und sanfteren Imperialismus. Geht es den Menschen damit besser? Sicherlich. Aber die Grenzen verschwimmen.

Zur Zeit des ersten Obama-Wahlkampfes nahmst du ein Cover von Phil Ochs’ satirischen Folk-Song „Love Me I’m A Liberal“ auf. Mit aktualisiertem Text. Warum?

Weil er den Liberalismus der Sechziger aus dem linken Spektrum heraus kritisierte. Ein brillanter Song! Und eine Sichtweise, mit der ich mich sehr identifizieren kann. Phil Ochs stellte die Menschen bloß, die zwar liberale und fortschrittliche Forderungen stellten, in ihrer eigenen Nachbarschaft aber ja keine Veränderungen wünschten. „Not in my backyard!“



In den Sechzigern war die Szene der Protestsänger in den USA groß. Warum findet man heute so wenige politische Songwriter?

Es gibt auch heute noch viele protestierende Stimmen in der Gegenkultur. Du hörst sie nur einfach nicht, weil ihnen weniger Unterstützung zu Teil wird. In den Sechziger haben die großen Labels haufenweise politische Folk-Sänger unter Vertrag genommen. Aber auch nur, weil sie auch haufenweise Geld eingebracht haben.

In deinem Oeuvre findet sich ein Song namens „Protest Singer“. Darin heißt es: „You may call me a protest singer, but I’m only protesting myself.“ Lehnst du den Begriff für dich ab?


Ich benutze den Begriff mit einem Augenzwinkern. Und nein, ich lehne ihn nicht direkt ab. Mir geht es aber eher um meine persönliche Wahrnehmung von sozialen Problemen.

Spricht da der Journalist in dir, der das Weltgeschehen kommentieren möchte?

Ja! Man lernt zu beobachten und Informationen zu filtern. Mein Abschluss in Journalismus lebt in meinem Songwriting weiter. Besonders die Kreisförmigkeit des Geschichten-Erzählens. In einer Reportage nimmst du deinen Leser mit auf eine Reise, und das Ende stellt wieder eine Verbindung zum Startpunkt dar. Nur, dass der Erkenntnishorizont nun ein anderer ist. Diese Bewegung vollziehe ich auch in meinen Songs. Die sind aber eher philosophische Gedankenspiele, als echte Protestsongs.

So wie dein Song über den Gerichtsprozess gegen Chelsea Manning?

Ja. „Private First Class“ handelt davon, dass es auf der einen Ebene das Gesetz gibt und auf einer übergeordneten Ebene die Ethik. Natürlich hat Chelsea Manning gegen amerikanisches Recht verstoßen. Aber sie hat das moralisch Wertvolle und Richtige getan. Man sollte sie als Heldin feiern.

Ein weiterer berühmter Whistleblower des vergangenen Jahres ist Edward Snowden. Sollte die deutsche Regierung – angesichts des Ausmaßes der NSA-Affäre – weniger zurückhaltend und zögerlich mit der amerikanischen Regierung umgehen? Und beispielsweise Snowden Asyl gewähren?

Wir leben in einer post-nationalen, von Wirtschaftsinteressen bestimmten Welt. Deutschland, Frankreich und die USA sind unterschiedliche Länder. Was sie aber eint, ist ihr Bekenntnis zum Kapitalismus. Es gibt große ideologische Gräben zwischen den politischen Führern, doch sitzen sie alle in der Mitte eines Systems, das zwar zutiefst fehlerhaft ist, für sie jedoch bestens funktioniert. Warum Snowden nicht in Berlin lebt? Weil es diese ökonomische Modalität stören würde.

Seit über zehn Jahren streust du politische Zeitkritik in deine Songs ein. Wird aus dir noch ein vollwertiger Aktivist?

(lacht) Ich habe in den vergangenen Jahren festgestellt, dass ich gewisse soziale Probleme akzeptieren muss, wenn ich ein befriedigendes Alltagsleben führen möchte. Das bedeutet, dass ich nur die Dinge ändern kann, die sich in meinem direkten Einflussbereich befinden. In meinen Zwanzigern hat mich diese Ohnmacht paralysiert. Und meine Antwort waren Alkohol und Drogen. Das ist keine moralisch vertretbare Alternative. Heute versuche ich, das bestmögliche Leben zu führen. Hilf den Menschen, so gut du kannst! Ich weiß nicht, was zur Hölle ich sonst tun soll.

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